Katsas Lungen brannten, so schnell rannte sie. Hinter ihr kamen ihre Verfolger immer näher. Die Männer und Frauen mit ihren fauchenden Geparden, die sie durch eine Gasse nach der anderen jagten. Katsas eigener Gepard lief dicht an ihrer Seite. Seine Angst strömte über das unsichtbare Band, das sie beide vereinte, und vermischte sich mit ihrer eigenen.
Vor ihnen stoben die Menschen an die Seite, gewarnt durch die Rufe ihrer Verfolger. Die Nachricht von ihrem Auftauchen verbreitete sich wie ein Lauffeuer. »Seht, das Wüstenmädchen! Mbos Tochter! Da ist sie!«
Bezaid stieß ein warnendes Knurren aus, das die Menschen auf Abstand hielt. Und das war ihre einzige Hoffnung auf ein Entkommen.
Geschickt wie ein Wüstenfuchs sprang Katsa über einen Stapel Körbe und wich einem mit Kräutern beladenen Handkarren aus. Sie duckte sich unter Bahnen von bunten Tüchern hinweg und nahm ziellos die Abzweigung in die nächste Gasse. Im Laufen warf sie einen Blick über die Schulter.
Ihre Verfolger holten auf.
Panik durchströmte sie. Wohin sollte sie fliehen? Wo konnten sie und Bezaid ein sicheres Versteck finden?
Yesharims Gassen bildeten ein riesiges, verwinkeltes und unübersichtliches Labyrinth. Die vielen Menschen, ihre Lasttiere und unzählige Stände mit Waren verstopften die engen Straßenschluchten und zwangen Katsa und ihren Geparden im Zickzackkurs auszuweichen. Steile Lehmwände ragten links und rechts von ihnen auf und das bisschen Sonnenlicht, das zu ihnen hinunterfiel, erhellte kaum ihren Weg.
Keuchend sog Katsa die heiße Luft ein. Es stank nach einer Mischung aus verdorbenen Abfällen und Kamelmist. Ein ungewohnter Geruch, der sie fast zum Würgen brachte. Sie unterdrückte den Drang, ihren Ärmel gegen ihren Mund zu pressen. Stattdessen drückte sie eine Hand auf ihren Bogen, der im Rhythmus ihrer Schritte gegen den Köcher auf ihrem Rücken schlug.
Wann zwangen ihre Verfolger sie einen Pfeil zu ziehen?
»Pass auf! Duck dich!« Bezaids besorgte Stimme erklang in ihrem Kopf, nur für sie allein hörbar.
Katsa riss die Augen auf. Vor ihr versperrte ein dreihöckriges Trimedar den Weg. Das erschrockene Tier warf röhrend seinen massigen Kopf in den Nacken.
Ohne zu zögern, ließ sie sich fallen und rutschte unter dem Bauch des Lastentieres hindurch. Die umstehenden Händler stießen erstaunte Ausrufe aus. Einer richtete seinen ausgestreckten Finger auf sie. »Da! Das Wüstenmädchen!«
Unwillkürlich zog Katsa den Kopf ein und nahm die Abzweigung in die nächste Gasse. Ihr Gepard wich nicht von ihrer Seite. Seine langen Beine streckten sich in einem geschmeidigen Rhythmus unter dem schlanken Körper und sein Schwanz schlug wie ein Ruder aus, sobald er die Richtung änderte.
Katsas Herz hämmerte in ihrer Brust. »Haben wir sie endlich abgeschüttelt?«, stieß sie im Laufen hervor.
»Ich fürchte nicht. Du musst noch schneller werden. Lauf, so schnell du kannst!«
In diesem Moment tauchten zwei Geparden vor ihnen auf, dicht gefolgt von einem Mann und einer Frau. Beide Menschen trugen den gleichen mit blauen Leinenstoffen umwickelten Brustpanzer.
»Bezaid…!« Die Panik schnürte Katsa die Kehle zu. Mit rudernden Armen und rutschenden Stiefeln kam sie zum Stehen.
»Keine Sorge, ich gebe nicht kampflos auf!« Mit einem Fauchen schob ihr Freund sich schützend vor sie, das dunkle Fell auf seinem Nacken und dem oberen Rücken zu einem Kamm gesträubt.
Katsa riss ihren Kopf zu ihren Verfolgern herum.
Hinter ihnen bildeten vier Geparden und vier Menschen eine undurchdringbare Kette. Eine Frau trat mit ausgestreckter Hand vor und sagte irgendetwas zu ihr, doch die Worte gingen in Bezaids Fauchen unter.
»Es sind zu viele, Bezaid!«
Zähnefletschend senkten die schlanken Raubkatzen vor ihnen ihre Köpfe. Die feinen schwarzen Flecken in ihrem Fell glänzten wie ihre goldfarbenen Augen, mit denen sie Katsa und Bezaid fixierten. Sie waren auf der Jagd und kurz davor, ihre Beute zu fassen.
Doch es gab einen letzten Ausweg.
»Nach oben!« Mit Schwung sprang Katsa in die Höhe, trat sich an der Wand ab und bekam einen Holzbalken zu fassen. Mühelos zog sie sich daran hinauf und griff nach der Kante der Hauswand. Unter ihr streckte sich Bezaid und erreichte mit einem eleganten Sprung den Vorsprung knapp neben ihr. Gemeinsam kletterten sie auf die gepflasterte Straße über ihnen.
Das Labyrinth aus Gassen war mehrstöckig. Eine solch verworrene und verwinkelte Stadt wie Yesharim hatte Katsa nirgendwo sonst gesehen. Über den Häusern und Gassen ihres Zentrums befand sich eine zweite Ebene mit weiteren Gebäuden und gepflasterten Wegen. Zahllose Brücken und Pfeiler aus Stein und Holz verbinden die einzelnen Flachdächer der unteren Häuser miteinander und bildeten die Grundfläche für den darüber liegenden Stadtteil.
Katsa hob die Hand vor die gleißend helle Zwillingssonne. Cidr und Cidra standen schräg über dem Horizont und brannten mit unbändiger Kraft auf Yesharims ungeschützte Gassen der oberen Ebene hinunter.
»Sie verlässt den Trog. Sie ist in der Oberstadt!«
Der Ruf aus der unteren Ebene drang gedämpft an ihre Ohren. Katsa zögerte nicht. »Los, weiter!«
Seite an Seite mit ihrem Geparden stürzte sie sich in dasselbe bunte Treiben, das auch auf dieser Ebene herrschte. Wieder wandte sich ihnen ein Gesicht nach dem anderen zu. Katsa blickte auf offene Münder und ausgestreckte Finger. »Das ist sie! Das ist das Wüstenmädchen! Mbo hat seine Tochter gesandt!«
Eine neue Panikwelle stieg in ihr auf. Überall erzeugte ihr Auftauchen einen Tumult, der die blau gekleideten Männer und Frauen mit ihren Geparden alarmierte. Wie sollten sie so ein Versteck finden?
»Hier lang, Katsa.« Bezaids samtige Stimme erklang in ihrem Kopf, zusammen mit der beruhigenden Welle Zuversicht, die ihm sein Instinkt schenkte. Bevor sie reagieren konnte, schnappte er nach ihrem Hemdsärmel und zog sie unter einen Torbogen.
»He, was...?« Nasse Stoffe streiften sie, als sie ihrem Geparden hinterherstolperte. Mit ihrer freien Hand schob sie die seidenen Kleider beiseite, die zum Trocknen von einer Leine hinunterhingen. Keuchend erreichten sie und Bezaid einen kleinen Innenhof. Bis auf eine Schar Hühner, die bei Bezaids Anblick gackernd unter einen Unterstand flüchtete, lag der Hof verlassen da.
»Schnell. Da rauf!« Mit einem großen Satz sprang ihr Gepard auf die Ladefläche eines Pferdekarrens und weiter hinauf auf dessen Gerüst, an dem der zerfledderte Rest einer Plane hing. Katsa biss die Zähne zusammen, als sie sich zu ihm hinauf auf die Stange zog. Mit ausgestreckten Armen balancierte sie über das Gerüst. Ein großer Schritt rettete sie auf das flache Dach vor ihnen.
Erleichterung durchströmte sie. Endlich hatte sie den freien Himmel über sich.
Zu ihren Füßen breitete sich Yesharim wie ein riesiger Flickenteppich aus. Die Stadt erstreckte sich über Hügel und Täler und in ihrer Mitte, der tiefsten Senke, befand sich ihr doppelstöckiger Teil. Die meisten ihrer Gebäude besaßen flache, schindellose Dächer und bestanden aus gelbem Lehm. Nur einige wenige trugen glänzende Marmorkuppeln oder bunte Mosaikmuster. Sie stachen aus der gelben Masse heraus wie Juwelen im Wüstensand.
Katsa zog ihr zerschlissenes Halstuch über die zerzausten Locken. »Komm«, stieß sie atemlos hervor. »Hier können wir nicht bleiben. Wir müssen ein neues Versteck finden.«
Gemeinsam kletterten sie über Mauern und Holzbalken, schoben sich an glänzenden Kuppeln und schlanken Türmen vorbei und sprangen über tiefe Häuserschluchten. Immer wieder warf Katsa einen Blick über die Schulter. Falls ihre Jäger ihnen in die luftige Höhe gefolgt waren, schienen sie ihre Spur in dem Auf und Ab von Yesharims Dächern verloren zu haben. Stattdessen entdeckte Katsa in den Gassen unter ihnen immer wieder einen oder zwei Geparden in Begleitung ihrer blau gewandeten Menschen.
Frauen wie Männer trugen einen enganliegenden Brustpanzer über einem ärmellangen Leinenhemd. Ein über Kreuz gewickeltes Leinentuch schützte sie in ihrer Panzerung vor den sengenden Strahlen der Zwillingssonne. Ihr Wappen prangte genau über ihrer Brust. Der springende Gepard. Das Zeichen ihrer Zugehörigkeit, was auch immer das sein mochte.
Während die Yesharimer ihnen respektvoll Platz machten, setzte Katsas Herz jedes Mal einen Schlag aus, wenn das blaue Wappen oder das schwarz gepunktete Fell einer fremden Raubkatze in ihrem Blickfeld auftauchte.
War es erst vier Tage her, seit sie und Bezaid Yesharim erreicht hatten?
Seit sie zum ersten Mal von diesem besonderen Ort gehört hatten, einer Stadt, in der Menschen gemeinsam mit Geparden zusammenlebten, hatten sie gewusst, dass sie hierherkommen mussten. Nur hier konnten sie herausfinden, warum diese seltsame untrennbare Bindung zwischen ihnen bestand. Warum Katsa die Einzige war, die Bezaids Stimme hörte. Warum sie seine Gefühle spürte und er ihre.
Katsa und Bezaid hatten sofort gemerkt, dass die Yesharimer den Anblick eines Gepards an der Seite eines Menschen gewohnt waren, denn zum ersten Mal lasen sie keine Furcht in den Gesichtern. Stattdessen sahen sie eine Faszination, die ihnen ebenfalls nicht unbekannt war. Eine Faszination, die Katsa mehr hasste als bloße Furcht. Die ihr Übelkeit verursachte und ihre Gedanken auf einen einzigen Wunsch reduzierte. Flucht.
Katsas Wangen brannten und ihre Brust schmerzte, doch sie verlangsamte ihr Tempo erst, als sie und Bezaid eine ruhigere Gegend erreichten. Vereinzelte Stimmen und einsames Hufgeklapper stiegen aus der Gasse unter ihnen auf. Mittlerweile hing die Zwillingssonne tief über dem Gebirge, das mit seinen gezackten Gipfeln im Westen hinter der Stadt aufragte.
»Hier bleiben wir«, stieß Katsa erschöpft aus. Vor der Dachkante sank sie in den Schneidersitz, damit sie die Gasse unter ihnen im Blick hatte. »Falls diese Leute und ihre Geparden hier auftauchen, werden wir sie früh genug sehen.«
»Wir haben gerade die halbe Stadt auf den Dächern überquert. Hier werden sie garantiert nicht nach uns suchen.«
Ihr eigener Gepard streckte sich mit einem Seufzen neben ihr aus. Seine Erschöpfung wog genauso schwer wie ihre eigene.
»Hoffentlich hast du Recht. Ich will kein viertes Mal durch diese Stadt gejagt werden.« Mit einer Hand streifte sie ihr Halstuch von den Locken. »Wir müssen noch vorsichtiger sein.«
»Ich weiß. War ganz schön knapp, oder?«
»Wem sagst du das.« Seufzend zog sie den Beutel, der an ihrem Gürtel hing, auf ihren Schoß und löste das Zugband. »Hunger?«
Bezaid sah mit seinen goldglänzenden Augen zu ihr auf. »Kein Fleisch, oder?«
Sie schüttelte den Kopf. »Tut mir leid, heute nicht.«
»Schon gut. Ich nehme, was ich kriegen kann. Weißt du doch.«
Seine Samtstimme klang gelassen, doch Katsa nahm deutlich die Enttäuschung wahr, die über ihr unsichtbares Band pulsierte. Wenn er die Wahl hatte, zog er Fleisch jeder anderen Nahrung vor. Wenn.
Sie hatte ihm eigentlich einen gebratenen Dünenspringer kaufen wollen, doch der Tumult, den sie beide an der Garküche ausgelöst hatten, hatte sie hierhergeführt. »Wer weiß, vielleicht kannst du dir deine Karnickel bald wieder selbst fangen«, murmelte sie resigniert. Im Abendlicht faltete sie zwei gebackene Pinyassa vom Vortag aus ihrem Öltuch und legte ihrem treuen Freund eine davon vor die Pfoten. Die orangeroten Knollen waren nahrhaft und sättigend und gehörten deshalb zum Hauptbestandteil vieler Speisen. »Ein Leben auf den Dächern«, seufzte Katsa und schob sich ein Stück ihrer Pinyassa in den Mund. Während sie kaute, breitete sich der süßliche Geschmack auf ihrer Zunge aus. »Ein Leben auf der Flucht.«
»Wir sind Eindringlinge in ihrem Revier.« Bezaid beugte sich über seine Pinyassa und schnupperte wenig begeistert an der Knolle.
»Und trotzdem hast du sie bis jetzt auf Abstand halten können. Du musstest noch kein einziges Mal gegen ihre Geparden kämpfen.«
Ein Stich der Entrüstung zuckte über ihre Verbindung durch ihr Innerstes. »Natürlich nicht. Sie wollen sich nicht mit mir anlegen. Ich bin schließlich größer als die meisten ihrer Geparden. Und du hast deinen Bogen!« Prüfend legte er seinen Kopf schief. »Aber wenn du willst, kämpfe ich. Dann greife ich nächstes Mal sofort an.«
»Nein! Ich will nicht, dass wir gegen sie kämpfen.« Katsa ließ die Hand mit ihrer Pinyassa sinken. »Ich will nicht mehr gejagt werden. Ich will nur Antworten! Warum nennen sie mich Mbos Tochter? Wer soll das sein? Was wollen sie von uns?« Seufzend schüttelte sie den Kopf, als sie merkte, dass sie sich mit ihren Fragen wieder einmal im Kreis drehte. »Ich meinte nur… Ich hatte mir das hier irgendwie anders vorgestellt. Hier in Yesharim.«
Bezaid hob den Kopf von seinem Abendessen und sah sie liebevoll an. »Ich weiß, was du meinst. Aber dafür haben wir uns, Katze.«
Katsa biss sich auf die Lippen.
Katze.
So hatte er sie früher immer genannt, wenn sie ihn »Kater« gerufen hatte. Damals, als sie noch eine Heimat gehabt hatten. Auch wenn Bezaids Worte sie wärmten, konnten sie nicht das dunkle Loch in ihrem Inneren füllen.
Und Bezaid wusste das. Er spürte ihre Gefühle, genauso wie sie die seinen spürte. Immer und zu jeder Zeit. Auch jetzt fühlte sie überdeutlich seine Sorge um sie und seinen dringenden Wunsch, sie in Sicherheit zu wissen.
Während die beiden schweigend aßen, näherte sich die erste Zwillingssonne dem Horizont. Im selben Augenblick, in dem Cidr die fernen Berggipfel berührte, erklangen die ersten Gebetsrufe über der Stadt. Immer mehr Stimmen fielen mit ein, bis sich ihr schwerer, getragener Gesang zu einem vielstimmigen Chor vereinte. Zwei Frauen, die gerade die Gasse unter ihnen durchquerten, hielten für die Dauer der Gebetsrufe inne und führten eine Hand mit einem gekreuzten Zeige- und Mittelfinger zur Stirn.
Katsa presste die Lippen zusammen. Dem Glauben hatte sie vor Jahren abgeschworen. Es waren die Zwillingsgötter, denen sie damals gehuldigt hatte, den beiden Sonnen Cidr und Cidra. Doch statt ihr in ihrer größten Not zu helfen, hatten sie sie in die Irre geleitet. Sie trugen eine Mitschuld an dem, was ihr und Bezaid damals angetan worden war. Nicht nur ihr Glaube, sondern ihr ganzes Leben war an diesem einen Tag aus den Fugen gerissen worden…
Katsa schluckte schwer. Wie hatten sich diese Gedanken wieder in ihren Kopf stehlen können? Sie hatte geglaubt, sie für immer weggesperrt zu haben.
Haltsuchend vergrub sie eine Hand in Bezaids schwarzem Nackenfell, das von dieser Angewohnheit schon ganz verfilzt war. Ihr Gepard stieß ein beruhigendes Schnurren aus. Auch ohne zu fragen, wusste er, welche Gedanken sie quälten.
Während die letzten Gebetsrufe in der Ferne verhallten und sich allmählich die Dämmerung über Yesharim senkte, erwachte die Stadt mit einem schwachen Glimmen zu ihrem Nachtleben.
In fast allen Hauswänden waren die Baskitsteine eingearbeitet, die sich tagsüber im Licht der Zwillingssonne aufluden, um des Nachts in Weiß, Gelb und Rot zu erstrahlen.
Das sanfte Glühen stieg nach und nach in allen Gassen auf und brachte Yesharim zum Leuchten. Ein Anblick, den Katsa und Bezaid Abend für Abend genossen, seit sie ihren Schutz auf den Dächern der Stadt gefunden hatten.
Plötzlich tauchte eine Gepardin in der Gasse unter ihnen auf. Katsa erstarrte. Gleichzeitig beschleunigte sich ihr Herzschlag. Das Tier folgte einem Jungen, der kaum älter als sie selbst sein konnte.
»Was siehst du?« Alarmiert durch ihre plötzliche Anspannung, schob Bezaid seinen Kopf über die Dachkante. »Oh, ich würde mich schämen. Die benimmt sich ja wie ein dressierter Hund!« Verachtung schwappte über ihr unsichtbares Band in Katsas Bewusstsein.
Die fremde Gepardin klebte an den Hacken des Jungen und sah gehorsam zu ihm auf. Der Junge selbst schritt langsam voran und wandte seinen Kopf von einer zur anderen Seite. In einer Hand hielt er eine Baskitsche, ein Fackelholz mit einem großen weißen Baskit. Suchten er und sein Tier etwa nach ihnen?
Plötzlich kam Katsa eine Idee. Es war riskant, aber was, wenn…?
Sie drückte sich aus dem Schneidersitz in die Hocke und zog ihren Bogen von der Schulter. Lautlos nahm sie die Verfolgung auf.
»Was hast du vor?« Bezaid überholte sie und sah prüfend zu ihr auf. Seine Besorgnis pochte durch Katsas Körper.
»Wir stellen die beiden.« Ihre Antwort war nur ein Flüstern.
»Bist du verrückt? Hat dir die Verfolgungsjagd von eben noch nicht gereicht?« Mühsam unterdrückte Bezaid ein Knurren.
»Ich will Antworten. Ich will wissen, warum sie uns jagen. Warum sie mich Mbos Tochter nennen.«
»Aber-«
»Sie sind allein, Bezaid. Nur ein Junge, nur eine Gepardin. Das ist unsere Chance.«
Bezaids Sorgenfluss ebbte nicht ab, doch in den Strom mischte sich ein neues Gefühl. Ein Kribbeln, das seine Abenteuerlust verriet. Auch er wollte Antworten.
Katsa lächelte grimmig. In geduckter Haltung spannte sie einen Pfeil ein. Den Jungen in der Gasse unter ihr behielt sie dabei fest im Blick.
Statt des umwickelten Brustpanzers trug er eine einfache Lederweste über dem hellblauen Leinenhemd. Dem Säbel, der an seinem Gürtel baumelte, durfte sie nicht zu nahe kommen, denn dem hatte sie nur ein Messer entgegenzusetzen. Mit ihrem drahtigen Körperbau war sie flink und ausdauernd, doch die Muskelkraft für einen Nahkampf fehlte ihr. Und die Größe sowieso. Verglichen mit anderen fünfzehnjährigen Mädchen war sie eindeutig zu klein. Trotzdem sah sie eine Chance in ihrem Vorhaben, denn ganz sicher rechnete er nicht mit einem Angriff. Sie hatte nicht vor, ihn zu verletzen, doch solange sie nicht wusste, welches Ziel er und seine Leute verfolgten, musste sie die Oberhand behalten.
»Wirst du mit seiner Gepardin fertig?«, raunte sie leise.
Als Antwort bleckte Bezaid die Zähne.
Katsa fasste ihren Bogen fester und nickte. Ihr Herz pochte schmerzhaft schnell in ihrer Brust, während sie sich auf gleiche Höhe an den Jungen heranschlich.
Mit seiner Baskitsche leuchtete er mehrere Steinbögen aus, die im Dunkeln lagen. Außer ihm und seiner Gepardin war niemand in der Gasse zu sehen.
Sie mussten es wagen. Jetzt.
»Los!«
In einem gewaltigen Satz sprang Bezaid vom Dach und stürzte sich auf das kleinere Tier. Katsa sprang direkt hinter ihm, rollte sich ab und richtete ihren gespannten Bogen auf die Brust des Jungen.
»Nein! Ghan! Ghaniyah!« Entsetzt sah der Junge zu, wie Bezaid seine Gepardin im Nacken packte und zu Boden drückte. Die Baskitsche knallte dumpf auf das Kopfsteinpflaster, als er seinen Säbel zog.
»Ich hab sie, Katsa.«
Die Gepardin fauchte und wehrte sich, doch Bezaid hielt sie fest am Boden. Im Schein des Baskits glänzten ihr helles Fell und die unzähligen kleinen schwarzen Flecken, die ihren Körper übersäten. Ihre weiße Schwanzspitze schlug aus wie eine Kobra, während sie sich erfolglos gegen Bezaids Gewicht stemmte.
»Beantworte meine Fragen und ihr geschieht nichts«, fauchte Katsa. Ihre Pfeilspitze zielte auf die Brust des Jungen. Im Dämmerlicht sah sie seine ungewöhnlich hellbraunen Augen, die vor Angst weit aufgerissen waren. Seine makellose Haut und die ordentlich gekämmten hellbraunen Haare verrieten, dass er aus guten Verhältnissen stammte. Den Säbel hielt er in der ausgestreckten Hand und schien unschlüssig, ob er sie oder Bezaid damit bedrohen sollte. »Der wird dir nichts nützen. Greif mich an und du hast einen Pfeil in der Brust stecken. Greif meinen Geparden an – und du hast zwei Pfeile in der Brust stecken.«
Der Junge erblasste und senkte den Säbel.
»Und jetzt sag ihr, sie soll sich ergeben.«
Die Gepardin stieß ein unzufriedenes Fauchen aus. An seinem abwesenden Blick erkannte Katsa, dass er der Katzenstimme in seinem Kopf lauschte.
Der Junge seufzte. »Tu mir den Gefallen, Ghan. Hör auf, dich zu wehren.« Seine eigene Stimme klang sanft, doch das leise Flattern verriet die Angst um seine Gefährtin.
Bezaid lockerte seinen Biss, doch er hielt die Gepardin mit seinem Gewicht am Boden.
»Warum jagt ihr uns?«, zischte Katsa. Ihr Herz raste. »Warum stürzt sich die halbe Stadt auf uns, wenn wir irgendwo auftauchen?«
In die Augen des Jungen trat ein Glanz, den sie nicht deuten konnte. Sein Blick glitt von ihren zerzausten Locken zu ihrem zerschlissenen, staubstarrenden Hemd und weiter hinunter zu der abgetragenen Stoffhose und den ausgetretenen Lederstiefeln. »Du bist Mbos Tochter«, hauchte er.
Wut kochte in ihr hoch. »Was soll der Quatsch mit Mbos Tochter? Ich bin niemandes Tochter!« Angestrengt schluckte sie die Bitterkeit dieser Lüge hinunter. Nur mit Mühe unterdrückte sie die Gedanken an ihre verhasste Familie.
»Er hat dich zu uns geschickt. Du wirst die Midjari eines Tages in seinem Namen anführen.«
»Was redest du für einen Blödsinn? Wer sind die Midjari? Warum sollte ich irgendwen anführen wollen?«
»Midjari. Das ist der Name unserer Gilde und bedeutet Gepardenführer.« Der Junge straffte die Schultern. »Wir sind die Midjari, die Gepardenführer von Yesharim. Wir hüten die Gesetze der Sultanin und beschützen ihre Stadt. Aber natürlich weißt du das nicht.« Ein verständnisvolles Lächeln breitete sich auf seinen Lippen aus und zog tiefe Grübchen in seine Wangen. »Mbos Tochter greift nicht nach Macht. Du verdienst sie dir und trägst sie als notwendige Bürde. So wie Mbo selbst es getan hat.«
»Schon wieder dieser Name. Wer soll Mbo sein?«
»Tut mir leid, wenn ich zu schnell bin.« Der Junge lächelte entschuldigend. »Mbo war der erste Gepardenführer in Yesharim, vor sechshundert Jahren. Er und seine Gepardin sind die Begründer unserer Gilde«, erklärte er geduldig.
»Vor sechshundert Jahren? Wie kann ich dann seine Tochter sein?« Katsa kniff die Augen zusammen. Langsam zweifelte sie an seinem Verstand.
»Nein, du verstehst nicht. Wir glauben an Mbo. Sein Geist lebt in unseren Gebeten weiter. Die Gesänge, die du eben gehört hast. Das waren unsere Mboten, unsere Priester, die jeden Tag zur Zwillingsgeburt und zum Zwillingstod die Gebetsformeln von den Mboskaden ausrufen.«
Katsa starrte ihn an. »Mbo ist euer Gott. Und ihr glaubt…« Plötzlich dämmerte ihr, was der Glanz in seinen Augen zu bedeuten hatte. Pure Ehrfurcht.
»Der ist besessen, Katsa.« Bezaids Abscheu pulsierte durch ihr Bewusstsein
»Nicht nur er«, zischte sie. »Das ist doch verrückt! Ich habe nichts mit eurem Mbo zu tun! Wie könnt ihr Glauben, dass ich seine Tochter bin?«
»Du bist aus der Wüste gekommen. Genau wie Mbo damals mit seiner Gepardin.«
Fassungslos schüttelte Katsa den Kopf, doch der Junge redete weiter.
»Es heißt, ihre Kavgah war so stark, dass sie wie ein Wesen gedacht und gefühlt haben.«
»Kavgah?«
»So nennen wir die Verbindung zwischen einem Menschen und seinem Gefährten. Hier.« Mit einem Lächeln streckte er eine Hand aus. Um sein Handgelenk lag ein breiter Armreif, der haargenau zu dem passte, den seine Gepardin um den Hals trug. Die Farbe der Verzierungen glich dem Hellbraun seiner Augen. Der Grundton passte zu Ghaniyas heller Fellfarbe. »Wir tragen die Reifen als Zeichen unserer Kavgah.«
Katsa riss die Augen auf. Mit gespanntem Bogen wich sie zurück. »Ihr seid Gefangene«, flüsterte sie, während ihr Entsetzen wuchs. Ein Bild zuckte durch ihren Kopf, das sie mit aller Macht zurückdrängte.
Der Junge runzelte die Stirn. »Die Midjari sind der Sultanin unterstellt. Aber wir sind doch nicht ihre Gefangenen.« Plötzlich hakte er seinen Säbel an seinem Gürtel ein, begleitet von Ghaniyahs entsetztem Fauchen. »Ich bin Qemal. Hast du auch einen Namen?«
Erschrocken wich Katsa zurück. »Keine Gegenfragen«, fauchte sie. Je mehr andere über sie wussten, desto angreifbarer wurde sie.
»Schon gut, schon gut!« Qemal hob beschwichtigend die leeren Hände und lächelte. »Du brauchst keine Angst vor mir zu haben. Ich werde dir nichts tun.« Sein Lächeln wurde breiter. »Du bist wirklich etwas Besonderes. Ein besonderes Mädchen das-«
Katsa erstarrte. Eine tief vergraben geglaubte Erinnerung bohrte sich an die Oberfläche und ließ die Stimme des Jungen verstummen. Vor ihren Augen breitete sich ein undurchdringlicher Vorhang aus Schwärze aus.
Katsa spürte kalte Stahlketten um ihre Handgelenke. Die Gerüche von Kerzentalg, Tiermist, gebratenem Fleisch und karamellisierten Mandeln lagen in der Luft.
Sie wusste, was das bedeutete.
Neben ihr erklang das leise Wimmern von Bezaid. Massive Gitterstäbe trennten sie voneinander. Das Eisen war zerkratzt und verbogen von Bezaids verzweifelten Versuchen, zu ihr zu gelangen. Ein Vorhang umschloss ihre Käfige und verhüllte sie vor den bohrenden Blicken.
Noch.
Ihr Körper bebte. Mit dem Zittern ihrer Glieder klimperten die Ketten ihrer Fesseln im Takt. Ihr war nicht kalt. Ihr war nicht heiß. Sie spürte keinen Hunger, keinen Durst. Sie spürte nichts als Angst. Bezaids und ihre eigene. Sie wussten genau, was sie erwartete, doch keiner von ihnen konnte es verhindern.
Aus der Dunkelheit erhob sich die melodische Stimme einer Frau, die nicht zu ihnen sprach: »Erlebt hier und jetzt die Sensation! Ein Mädchen, das die Liebe eines Raubtieres gewonnen hat! Dieses Mädchen ist etwas ganz Besonderes!«
Katsa schrie und kam erst wieder zu sich, als sie Bezaids raue Zunge an ihrer Handfläche spürte. Mit einem Knie und einer Hand stützte sie sich auf dem Boden ab. Ihr Bogen lag neben ihr.
Die Besorgnis ihres Geparden drang schwach durch den dichten Nebel aus Angst, der sie erfüllte. »Katsa, was ist mit dir? Waren das wieder die Erinnerungen?«
Auf der Suche nach Halt vergrub sie eine Hand in seinem Rückenkamm. Bezaid hatte die Gepardin losgelassen und stieß ein warnendes Knurren in ihre Richtung aus.
Erstarrt blickte der Junge auf Katsa hinab. »Was ist los? Alles in Ordnung?«
Katsa antwortete nicht. In ihrem Kopf war nur noch ein Gedanke. Flucht. Sie wollte nur noch weg von hier, weg von diesem Jungen und weg von der Gefahr, die von ihm ausging. Wie in Trance griff sie ihren Bogen, rappelte sich auf und wich ein paar Schritte zurück.
»Mir nach. Ich bring dich weg von hier.« Bezaid lief voran zu einem Stapel Kisten vor einer Hauswand. »Hier lang, Katsa.«
Mit einer Armeslänge Abstand sprang ihr Gepard vor ihr her und lotste sie hinauf auf die Dächer.
»Konzentrier dich auf mich, ja?«
Yesharims Dächer flogen unter ihnen dahin, während Katsa ihrem Geparden in blindem Vertrauen folgte. Sie liefen weit und sie liefen schnell. Auch wenn Yesharim ihnen fremd war, bewegten sie sich über die Dächer, als hätten sie nie etwas anderes in ihrem Leben getan.
Endlich tauchten sie in den Schutz eines neuen Verstecks ein. Katsa schlug zitternd ihre Arme um die Beine und rollte sich zu einer Kugel zusammen.
Die raue Zunge ihres Geparden fuhr tröstend über ihre Wange. »Hab keine Angst. Ich bin bei dir. Ich beschütze dich. Immer.«